Warum die Gruppe „Homosexuelle in der AfD“ gar nicht wirklich existiert

Es geht mir wie allen anderen Lesben, Schwulen und trans*-Menschen, die ich kenne: Ich frage mich, wie es sein kann, dass Homosexuelle freiwillig für die AfD einstehen, sie wählen — und gar Parteimitglied sind. Wie passt das zusammen?

In den sozialen Netzwerken wird ständig darüber berichtet, überall sieht man Bilder, die den Bundesvorsitzenden der „Homosexuellen in der AfD“, Mirko Welsch, zeigen, wie er unter den gewohnten Slogans seiner Partei posiert. Sonst keine Infos. Alles, was ich wusste, war: Es gibt anscheinend Homosexuelle, die sich tatsächlich in der AfD wohlfühlen — wie auch immer das gehen soll.
Doch das reichte mir nicht. Ich wollte mehr wissen.

Ein kurzes Googeln, und ich fand die Homepage: homosexuellefuer.de Eigenartiger Name, aber gut. Also klickte ich den Link an, und was ich fand, hat mich einerseits sehr erstaunt — andererseits meinen Verdacht bestätigt.

Die Landingpage von homosexuellefuer.de; Twitterstream außer Funktion
Die Landingpage von homosexuellefuer.de; Twitterstream außer Funktion

Es gibt eine Landingpage mit einem verschwommenen Foto. Die darauf abgebildeten Personen, darunter auch Mirko Welsch, halten alle etwas in die Höhe, das wie das Grundgesetz aussieht. Es ist schwer zu entziffern; die Qualität des Fotos ist fast schon unterirdisch. Daneben ein verwaister Twitterstream, dessen letzter Tweet am 20. Dezember (2015? 2014?) geschrieben wurde. Ich habe nachgesehen: Mirko Welsch ist noch immer auf Twitter aktiv (@mirko1a), der Account des Verbandes selbst (@BIGHomosAfD) hat am 21. Dezember 2015 das letzte Mal einen Laut von sich gegeben. (Welsch war bis zum 31.07.2015 auch auf der Plattform der HuffingtonPost sehr aktiv. Seitdem: Funkstille.) Meine Anfrage über seine Facebookseite bezüglich der Webseite bleibt unbeantwortet.

Fehlermeldungen auf homosexuellefuer.de, inklusive Impressum und Partei-Link
Fehlermeldungen auf homosexuellefuer.de, inklusive Impressum und Partei-Link

Klickt man sich nun durch das Menü der Webseite, fällt auf, dass die einzelnen Reiter entweder einfach die Landingpage kopieren (inklusive Schreibfehler und „Straße, PLZ Ort[sic!]“-Platzhalter) oder — und das gilt auch für das Impressum — gleich eine Fehlermeldung produzieren. Nur der Klick auf „Aktuelles“ scheint im ersten Moment erfolgversprechend zu sein, ist es aber dann doch nicht. Die gesamte Seite sieht danach aus, dass da schnell eine Präsenz hingeknallt wurde. Wahrscheinlich denkt die AfD nicht, dass da jemals wirklich jemand draufklicken würde. Und so falsch war der Gedanke wohl ja auch nicht. Aber warum tut sie überhaupt so, als wären ihr die Belange von Homosexuellen (trans*-Personen erwähnt sie ja noch nicht mal) tatsächlich von Bedeutung? Ich denke, die Antwort liegt in einem Phänomen, dass man im Englischen „tokenism“ nennt: Ein Unternehmen, das nicht den Anschein erwecken will, Minderheiten zu diskriminieren, stellt beispielsweise einen Angehörigen dieser Minderheit ein und zeigt damit, dass Diskriminierungsvorwürfe weit hergeholt sein müssen. Dass er der einzige Vertreter seiner Minderheit bleibt und seine Handlungen (vor allem die negativen) im Unternehmenskontext pauschal auf die gesamte Minderheit übertragen werden, gehört zu diesem Spiel dazu.

Ein solches Token kann jedoch nach außen präsentiert werden, man kann sagen: Da, schau her, wir inkludieren alle. Ob das tatsächlich auch stimmt, ist in diesem Zusammenhang nicht von Bedeutung. Hier zählt der Schein, nicht das Sein.
Der Verband der „Homosexuellen in der AfD“ ist das Token der AfD. Und Mirko Welsch ist sein Gesicht.

Update, 06.03.2016, 23:40 Uhr: Mirko Welschs Facebookprofil wurde so bearbeitet, dass weder Beiträge hinterlassen noch gelesen werden können.

Korrektur, 06.03.2016, 23:55 Uhr: Das Hinterlassen von Beiträgen ist doch weiterhin möglich. Mirko Welsch hat zwei Facebook-Profile.

Update, 29.09.2016, 13:14 Uhr: Seit August scheint die Seite funktional zu sein. Man hat sie vollkommen umgestellt und füttert sie nun mit Artikeln (die zum größten Teil aus Links zu anderen Artikeln bestehen). Selbst ein minimalistisches Impressum ist nun vorhanden, und das Menü führt auch nicht mehr ins Nirvana.

 

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